Bruno Griesel III. ROCOCO

Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich sehr über die ehrenvolle Aufgabe, ein paar kurze Ausführungen zum Künstler Bruno Griesel und seinem neuesten Werk machen zu dürfen.

Vielen von Ihnen wird der in Leipzig beheimatete Künstler kein Unbekannter mehr sein. Seine Werke befinden sich unter anderem in den Sammlungen der Kunsthalle der Sparkasse und des Museums der bildenden Künste Leipzig. Er ist bereits seit 1986 an zahlreichen Ausstellungen rund um den Globus beteiligt gewesen (beispielsweise 2000 in New York oder 2003 in Barcelona und Shanghai). Und das von Ihm geschaffene Wandfries „Die Psychologie der Zeit“ befindet sich hier am prominenten öffentlichen Standort Specks Hof und kann von jedem Flaneur und Besucher uneingeschränkt betrachtet werden.

Bruno Griesel, 1960 in Jena geboren, kam 1981 nach Leipzig und studierte bis 1986 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei den Professoren Stelzmann, Peuker und Heisig Malerei. 1989 absolvierte er seinen Meisterschüler bei Prof. Heisig. Diese Eckkdaten zeigen, dass die Ausbildung einen Grundstein für seine erfolgreiche selbständige Malertätigkeit bildet. Ein weiterer Grundstein für den großen internationalen Erfolg der Leipziger Malerei und damit auch für das Werk Bruno Griesels ist die Anknüpfung und thematische Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte bis hin zur Moderne. Diese Art des Traditionalismus fordert und fördert einen narrativen und oft figurativen Malstil, der in seiner Rätselhaftigkeit den Betrachter immer wieder aufs Neue herausfordert. Griesel hat sich in den Jahren seines Schaffens vor allem den farbenkräftigen und zugleich feinfühligen Darstellungen von Landschaften sowie von Frauen (Tänzerinnen) und Paaren gewidmet. Stilistisch knüpft der Maler an Kunstströmungen des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wie Expressionismus und Symbolismus an. Teilweise zeigt er seine Figuren vor mythologischer und biblischer Folie und unterzieht sie damit einer kritischen, philosophischen und psychologischen Analyse. Im Zuge der intensiven Auseinandersetzung mit Farbe beginnt Bruno Griesel im Jahr 2005 sein Rococo – Projekt, dessen jüngste Ergebnisse in dieser Ausstellung präsentiert werden.

Ausgelöst wurde das Projekt letztlich durch eine Erkrankung des Ohres - verbunden mit dem Verlust des Gleichgewichts – des „aequilibrium“. Es zeigt Griesels Versuch, Stillstand und Bewegungsunfähigkeit durch kunstgeschichtliches Studium der Epoche des Rococo zu sublimieren.

Denkt man an die Malerei des Rococo, hat man unweigerlich Antoine Watteaus Gilles vor Augen. Das Gemälde von 1717 ist eines der berühmten Meisterwerke von Szenen des Theaters und zugleich geistvolle Reflexion auf den Zeitgeist des „Fetes galantes“ am Hofe des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Verloren an Kunst, Musik und Gefühl erstarrt die Figur im Bild oder gerinnt zu bloßer Erscheinung, die alles oder nichts sein kann – aufrichtige Metapher für die schmerzvolle Tragik menschlichen Lebens, für das unsichere Dasein, für Vereinsamung und für Vergänglichkeit. Die Figuren Watteaus entspringen fast alle dem Theater, der Comedia delll’arte. Seine Landschaften als poetische Verklärung – sein Arkadien – verweist bereits auf den englischen Landschaftsgarten und romantisiert die Natur als Bühne der Schönheit. Watteaus Werke hatten enorme Nachwirkung, wurden oft kopiert und als Anregung der künstlerischen Auseinandersetzung verstanden. Auch Griesel ließ sich für sein Gemälde „Weiss – Pierrot Lunaire“ davon inspirieren. In veränderter Pose (aus der aufrechten frontalen Haltung wird eine pantomimische Geste) weist die Figur des knabenhaften schönen Gilles alias Pierrot auf drei Löwenfiguren hin, die er in theatralischer (nahezu komödiantischer) Verneigung auf die Reise zu senden scheint. Pierrots nahezu lebensgroße Erscheinung wirkt tänzerisch, instabil in vorgebeugter Haltung, als würde sie vom Format des Gemäldes gebeugt, und frei von jeder Leichtigkeit burlesker Clownerie.

Die vor ihm aufgestellten Löwen symbolisieren sowohl das tierische Herrschaftssymbol in skulpturaler Eleganz als auch dessen maskuline Signatur der Stärke. Die goldene Farbe des kleinsten Tieres läßt Assoziationen zum Löwen als astrologische Entsprechung der Sonne zu (der Löwe als Tier, dem nachgesagt wird, es könne in die Sonne schauen ohne zu blinzeln). Griesel ergänzt und kehrt die traditionelle Deutung mithilfe der weißen Löwen um und zeigt ihn auch als Symbol des Mondes. So deutet der Maler das in Europa weit verbreitete heraldische Tier mit offenem Rachen, herausgestreckter Zunge und erhobener Pranke sowohl als Verkörperung von Kriegstugend und Macht, psychologisch als triebsichere Persönlichkeit, als auch in astrologischer Symbolik als Zeichen des gött- lichen / weiblichen Schöpfungsgedankens und als wandelbare Erscheinung vergleichbar mit dem Mondzyklus.

Dr. Richard Hüttel beschreibt die Scenerie im aktuellen Katalog wie folgt: „Der künstliche Gesichtsausdruck und die balletthafte Gestik machen gerade an dieser Figur deutlich, dass da einer eine Rolle spielt, dass hier Verwandlungen durchgespielt werden, performative Möglichkeiten des Individuums! Die Farbe weiss steht als bilddominierende (Nicht)Farbe sowie als Bildtitel als Konnotation für Unschuld, Purismus, Geheimnisvolles, Vereinigung aller Farbspektren, aber auch für Gespenstisches, Tod und Trauer.

Schon in der Malerei des Rococo zeigt sich ein Zuwachs an psychologischen Formen, die Fähigkeit, bestimmte Stimmungen durch das Kolorit eines Bildes zu erwecken, der Kunstgriff, über die Schönheit der Linie und der Natur die Sehnsüchte und Träume der Betrachter zu wecken. Bis Heute wirkt das Schönheitsideal des Rococo nach: So ist die venezianische Vedute nach wie vor begehrter Wandschmuck, unerlässliches Bildungs- und Geschmackssymbol, Inbegriff des Pitturesken. In seinem neuesten Bildwerk greift Bruno Griesel ein weitere symbolträchtige Figur, den Engel, für seine bildnerische Analyse auf. Im Zentrum der Arbeit „Schwarzes Quadrat“ steht eine männliche Figur mit einer weißen Fahne, auf der angeschnitten ein schwarzes Quadrat zu erkennen ist. Rechts und Links wird der Protagonist von zwei scheinbar schwebenden Engeln begleitet. Der Mann ist dem Betrachter abgewandt, sein Blick ist auf den im Bildhintergrund angedeuteten Horizont gerichtet. Die Landschaft wird in der oberen Bildhälfte durch eine schwarze Fläche beschnitten, unterbrochen, begrenzt. Die Akteure scheinen wie bei „Weiss – Pierrot Lunaire“ in einer Art Bühnenraum angeordnet zu sein.

Die junge männliche Figur in ihrer altmodischen Kleidung aus der Zeit der Jahrhundertwende ist die malerische Kopie einer fotografischen Vorlage von 1909 und zeigt den Flugpionier Wilbourt Wright mit einer weißen Signalfahne, auf der ein schwarzes Quadrat appliziert ist. Als das Foto aufgenommen wurde, starteten die Gebrüder Wright ihren ersten offiziellen Testflug und begründen damit die Geschichte der modernen Luftfahrt. Kasimir Malewitsch begründet mit seinem gemalten schwarzen Quadrat im Jahr 1916/18 den Beginn einer neuen Kunstrichtung, die des Suprematismus. Diese radikale Reduktion der Malerei auf Form und Farbe ist bis heute Wegweiser, das schwarze Quadrat Inkunabel und Ikone der Moderne sowie der Erneuerung von Kunst und Gesellschaft. Den religiösen Aspekt der Ikone und deren funktionaler Gebrauch zum Gebet, d.h. Zwiesprache zwischen Gläubigem und heiligem Stellvertreter nimmt Griesel in seinem Gemälde motivisch auf. Doch bei ihm scheinen die Engel als eigentliche Boten des Göttlichen die Verkünder eines Gotteswillens von der heiligen Aura von Malewitschs suprematistischem Zeichen. Die in der profanen Landschaft fremd anmutenden geflügelten Menschengestalten sind malerische Zitate von Skulpturen des Düsseldorfer Bildhauers Johann Jakob Junckers aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (1760/70). Die Protagonisten biblischer Mythologie und des theologischen Weltbildes in barocker Manier versetzt Griesel vor die Folie avantgardistischer Kunstgeschichte und erzeugt damit eine spannungsvolle Synthese abstrakter Figuration bzw. figurativer Abstraktion.

In diesem Sinne kann man den Ausstellungstitel „Aufbruch der Moderne“ auch zweifach deuten: Einerseits als progressive Tendenz, als Bewegung und Voranschreiten (Avantgarde) der Moderne hin zu (noch) unbekannten Ufern. Andererseits als Dekonstruktion und Neubewertung künstlerischer Stile und Motive in der Gegenwartskunst. Bruno Griesels Bildwerke sind in ihrer Gesamtheit Tableaus seiner komplexen philosophischen, theologischen und gleichsam historischen Überlegungen und allgemeiner Ausdrucksweisen der Kunst. Mit seiner künstlerischen Handschrift gelingt es ihm, vermeintlich disparate tradierte Motive und Symbole unterschiedlicher Epochen zeitübergreifend miteinander in Verbindung zu bringen. Somit die Vorgeschichte, Entwicklung und Mythos der Moderne in ihrer Vielschichtigkeit zu thematisieren. Griesels Gemälde sind bildgewordene Imaginationen, anhand derer der Betrachter überdauernde Zeitalter bis zur Gegenwart durchwandern kann und damit eine Vorstellung von Wandel und Stetigkeit, von Zeit und Ewigkeit und der Sehnsucht der Kunst gewinnt.

Thorsten Hinz

Kunstwissenschaftler
Leipzig

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